Tropennächte, Herbstblätter im Juli, Kampf um Ventilatoren:
Plötzlich spüren es auch die behüteten Bewohner*innen der
Schweiz. Über Wochen raubt sie ihnen den Schlaf,
drängt sie sich in ihre Poren, an den Stammtisch, in die
Schlagzeilen. Sie, die Hitzewelle, die Erderwärmung. Oder
eben: Die Krise.
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Foto: Pascal Bernardon
Manche haben sie kommen sehen. Manche versuchten, etwas
daran zu ändern. Wie die Aktivist*innen von
«Fridays for Future».
Auch bei «Fridays for Future» drehte sich die mediale
Debatte vor allem um junge Frauen. Allen voran Greta.
Und weil die Schweiz immer gerne ein «Made of
Switzerland» hat, auch um Menschen wie Loukina.
Foto: Loukina Tille
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Immer bekannter
Loukina war keine 18, als sie sich im letzten Gymi-Jahr der
Klimastreik-Bewegung anschloss. Im August 2019 organisierte sie mit
ihren Mitstreiter*innen eine internationale Klimakonferenz in
Lausanne, die 400 junge Klimaaktivist*innen aus 38 Ländern
zusammenbrachte –
«Smile for Future».
So wurden auch die Medien auf Loukina aufmerksam. Wenn es darum
ging, die offizielle Haltung der Fridays-for-Future-Bewegung in der
Schweiz einzuordnen, war sie diejenige, die man anrief.
2020 lud Klaus Schwab sie persönlich ein, am
WEF in Davos
teilzunehmen. Plötzlich stand sie in einer Reihe mit Greta Thunberg,
Luisa Neubauer, Vanessa Nakate und Isabelle Axelsson im
internationalen Rampenlicht.
Loukina Tille war das Gesicht der Patagonia-Kampagne
«Facing extinction» – ein weiteres Beispiel dafür, wie ihr
Aktivismus sie zur öffentlichen Figur machte.
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Immer einsamer
Heute sagt Loukina: «Im Rampenlicht zu stehen macht dich fremd.
Man wird als etwas Besonderes hervorgehoben, und unterstreicht
damit: Du bist anders als die anderen.»
Dabei ist das genau das Gegenteil von dem, was Loukina eigentlich
will. Sie will weder bewundert werden noch speziell sein. Oft hört
sie Sätze wie: «Wau, es ist so beeindruckend, was du machst. Das
könnte ich nie.» In solchen Momenten fühlt sie sich, als hätte
sie versagt.
«Mein einziges Ziel ist es, andere dazu zu bewegen, es auch zu
tun». Zu zeigen: «Ich bin ein ganz normaler Mensch, und ich kann
etwas bewirken – genauso wie du und ich.»
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Rückzug
Foto: Nuria Piller
Loukina hat sich aus dem Aktivismus zurückgezogen.
Auch, damit sie endlich ihr Studium beenden kann. Nun hat
sie ihre Masterarbeit abgeschlossen, mit Bestnote. Es
überrascht nicht, dass auch diese Arbeit vom
Klimaaktivismus handelt. Genauer gesagt um jene Frage, die
Loukina all die Jahre umgetrieben hat:
Warum der Rückzug
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Wie gewinnt der Widerstand?
Datengrundlage ist der
EJAtlas
(Global Atlas of Environmental Justice) – eine von Aktivist*innen
und Forschenden gepflegte Datenbank, die über 4500
Umweltkonflikte dokumentiert. Loukina filterte daraus
0 Konflikte rund um
Kohle, Öl und Gas in
0 Ländern heraus.
Die Konflikte drehen sich alle um das gleiche Thema: Nämlich
darum, dass die fossilen Brennstoffe im Boden bleiben.
Genau das ist es auch, was Loukina erreichen will, seit sie
vom Klassenzimmer auf die Strasse ging. Denn im Kern ist die
Klimakrise ein Problem fossiler Brennstoffe.
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Immer mehr Energie
Im letzten Jahrhundert ist der weltweite Verbrauch fossiler Energie
ungebremst gewachsen – Kohle, dann Öl, dann Gas. Rund
0 Prozent der
energiebedingten Treibhausgasemissionen stammen aus der Verbrennung
fossiler Brennstoffe (Statistical Review of World Energy 2025).
Doch das tun sie nicht. Hier setzt Loukinas Forschung an: Sie
untersucht, wann ein Kohlebergwerk, eine Pipeline, ein Bohrprojekt
tatsächlich gestoppt wird, bevor es noch mehr CO2 in die
Atmosphäre bringt.
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Was wirklich zählt
Loukinas Fazit ist so nüchtern wie hoffnungsvoll zugleich. Am Ende
sind es zwei Faktoren, die den Unterschied machen: Breite und
Vielfalt.
Widerstand ist dann am erfolgreichsten, wenn sich die Leute vor
Ort nicht allein durchschlagen, sondern breite Bündnisse
bilden. Wenn sie auf mehreren Ebenen Druck aufbauen –
rechtlich, politisch, wirtschaftlich, öffentlich.
Fallbeispiel aus Loukinas Arbeit
Keystone XL
Die Pipeline sollte täglich 800'000 Fass Teersandöl von Alberta
zu den Raffinerien am Golf von Mexiko transportieren. Zuerst
wehrten sich lokale indigene Gemeinschaften und Rancher*innen
in Nebraska.
Dann kam die Breite: Sie schlossen sich mit
Umweltgruppen, Glaubensgemeinschaften, Bäuerinnen und selbst
konservativen Farmer*innen zur «Bold Nebraska Alliance»
zusammen.
Die Vielfalt kam über
350.org
dazu, die internationale Klimaorganisation half mit
weltweiten Kampagnen. Über 750 Mobilisierungen fanden seit
2011 statt (Gerichtsverfahren, Petitionen, Grossdemonstrationen usw.).
Im Juni 2021 gab der Pipeline-Betreiber das Projekt
endgültig auf.
Quellen: Loukina Tille, «From Resistance to Cancellation:
Actors and Tactics Across 626 Anti-Fossil Fuel Conflicts»,
Masterarbeit, Universität Zürich, 2026, Kap. 2.2.3 · J. J.
Young & H. Troidl (2025), «Opposition to Keystone XL in
Nebraska» · TC Energy, Medienmitteilung vom 9. Juni 2021.
Was hingegen kaum darüber entscheidet, wie erfolgreich der
Widerstand ist: Die internationale Unterstützung an sich. Oft
kommt sie erst, wenn ein Konflikt ohnehin schon zu gross und zu
verfahren ist. Auch wie kreativ die Protestform ist, so
einfallsreich sie auch sein mag, verändert für sich genommen
wenig. Was zählt, ist nicht die einzelne, spektakuläre Aktion.
Sondern das Zusammenspiel mit weiteren Verbündeten und Taktiken.
Zurück im Aktivismus ist Loukina noch nicht. Aber es rumort in
ihr. Sie ist noch nicht fertig mit der Welt.
O-Ton
Loukina im Gespräch
Hast Du noch Hoffnung?
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Loukina hat ihr Studium beendet und packt die Sachen in
ihrer Zürcher WG, um zurück nach Lausanne zu ziehen. Foto:
Nuria Piller
Welche Erkenntnis deiner Masterarbeit hat dich am meisten
überrascht?
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Über meine eigene Radikalisierung
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Aktivismus oder Akademik?
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Zwei Bücher, an denen Loukina Tille mitgeschrieben hat: