Nuria Piller
31.08.26 Porträt

«Hört auf mich zu fragen, ob ich Hoffnung habe»

Intro

Immer heisser

Tropennächte, Herbstblätter im Juli, Kampf um Ventilatoren: Plötzlich spüren es auch die behüteten Bewohner*innen der Schweiz. Über Wochen raubt sie ihnen den Schlaf, drängt sie sich in ihre Poren, an den Stammtisch, in die Schlagzeilen. Sie, die Hitzewelle, die Erderwärmung. Oder eben: Die Krise.

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Fridays for Future Demonstration Foto: Pascal Bernardon

Manche haben sie kommen sehen. Manche versuchten, etwas daran zu ändern. Wie die Aktivist*innen von «Fridays for Future».

Auch bei «Fridays for Future» drehte sich die mediale Debatte vor allem um junge Frauen. Allen voran Greta.

Und weil die Schweiz immer gerne ein «Made of Switzerland» hat, auch um Menschen wie Loukina.

Loukina Tille Foto: Loukina Tille
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Immer bekannter

Loukina war keine 18, als sie sich im letzten Gymi-Jahr der Klimastreik-Bewegung anschloss. Im August 2019 organisierte sie mit ihren Mitstreiter*innen eine internationale Klimakonferenz in Lausanne, die 400 junge Klimaaktivist*innen aus 38 Ländern zusammenbrachte – «Smile for Future».

So wurden auch die Medien auf Loukina aufmerksam. Wenn es darum ging, die offizielle Haltung der Fridays-for-Future-Bewegung in der Schweiz einzuordnen, war sie diejenige, die man anrief.

2020 lud Klaus Schwab sie persönlich ein, am WEF in Davos teilzunehmen. Plötzlich stand sie in einer Reihe mit Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Vanessa Nakate und Isabelle Axelsson im internationalen Rampenlicht.

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Immer einsamer

Heute sagt Loukina: «Im Rampenlicht zu stehen macht dich fremd. Man wird als etwas Besonderes hervorgehoben, und unterstreicht damit: Du bist anders als die anderen.»

Dabei ist das genau das Gegenteil von dem, was Loukina eigentlich will. Sie will weder bewundert werden noch speziell sein. Oft hört sie Sätze wie: «Wau, es ist so beeindruckend, was du machst. Das könnte ich nie.» In solchen Momenten fühlt sie sich, als hätte sie versagt.

«Mein einziges Ziel ist es, andere dazu zu bewegen, es auch zu tun». Zu zeigen: «Ich bin ein ganz normaler Mensch, und ich kann etwas bewirken – genauso wie du und ich.»
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Rückzug

Loukina Tille
Foto: Nuria Piller

Loukina hat sich aus dem Aktivismus zurückgezogen.

Auch, damit sie endlich ihr Studium beenden kann. Nun hat sie ihre Masterarbeit abgeschlossen, mit Bestnote. Es überrascht nicht, dass auch diese Arbeit vom Klimaaktivismus handelt. Genauer gesagt um jene Frage, die Loukina all die Jahre umgetrieben hat:

Wie gewinnt der Widerstand?

Datengrundlage ist der EJAtlas (Global Atlas of Environmental Justice) – eine von Aktivist*innen und Forschenden gepflegte Datenbank, die über 4500 Umweltkonflikte dokumentiert. Loukina filterte daraus 0 Konflikte rund um Kohle, Öl und Gas in 0 Ländern heraus. Die Konflikte drehen sich alle um das gleiche Thema: Nämlich darum, dass die fossilen Brennstoffe im Boden bleiben.

Genau das ist es auch, was Loukina erreichen will, seit sie vom Klassenzimmer auf die Strasse ging. Denn im Kern ist die Klimakrise ein Problem fossiler Brennstoffe.

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Immer mehr Energie

Im letzten Jahrhundert ist der weltweite Verbrauch fossiler Energie ungebremst gewachsen – Kohle, dann Öl, dann Gas. Rund 0 Prozent der energiebedingten Treibhausgasemissionen stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe (Statistical Review of World Energy 2025).

Wettrennen der Energieträger

Weltweit, 1850–2025

1850
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Quelle: Energy Institute – Statistical Review of World Energy (2026); Smil (2017), Datenaufbereitung: Our World in Data • Angaben in Terawattstunden (TWh). Werte vor 1965 basieren auf historischen Schätzungen und liegen nur in Zehnjahres-Schritten vor, ab 1965 jährlich. Scrolle, um durch die Jahre zu blättern.

Doch das tun sie nicht. Hier setzt Loukinas Forschung an: Sie untersucht, wann ein Kohlebergwerk, eine Pipeline, ein Bohrprojekt tatsächlich gestoppt wird, bevor es noch mehr CO2 in die Atmosphäre bringt.

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Was wirklich zählt

Loukinas Fazit ist so nüchtern wie hoffnungsvoll zugleich. Am Ende sind es zwei Faktoren, die den Unterschied machen: Breite und Vielfalt.

Widerstand ist dann am erfolgreichsten, wenn sich die Leute vor Ort nicht allein durchschlagen, sondern breite Bündnisse bilden. Wenn sie auf mehreren Ebenen Druck aufbauen – rechtlich, politisch, wirtschaftlich, öffentlich.

Was hingegen kaum darüber entscheidet, wie erfolgreich der Widerstand ist: Die internationale Unterstützung an sich. Oft kommt sie erst, wenn ein Konflikt ohnehin schon zu gross und zu verfahren ist. Auch wie kreativ die Protestform ist, so einfallsreich sie auch sein mag, verändert für sich genommen wenig. Was zählt, ist nicht die einzelne, spektakuläre Aktion. Sondern das Zusammenspiel mit weiteren Verbündeten und Taktiken.

Zurück im Aktivismus ist Loukina noch nicht. Aber es rumort in ihr. Sie ist noch nicht fertig mit der Welt.

O-Ton

Loukina im Gespräch

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Zwei Bücher, an denen Loukina Tille mitgeschrieben hat:

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Quellen

  • SRF: «WEF-Bilanz von Greta Thunberg – "Die Klimaforderungen wurden komplett ignoriert"» – Zum Artikel
  • «Smile for Future»-Gipfel, Lausanne, August 2019 – Zum Artikel
  • EJAtlas – Global Atlas of Environmental Justice – ejatlas.org
  • Energy Institute: Statistical Review of World Energy 2025/2026 – Datenaufbereitung durch Our World in Data
  • Loukina Tille: «From Resistance to Cancellation: Actors and Tactics Across 626 Anti-Fossil Fuel Conflicts», Masterarbeit, Universität Zürich, 2026.